Gläserne Identitäten 

von Nana Pernod

Die Künstlerin Marlies Achermann (1951, Feldkirch A) verleiht dem Glas mit ihrer Kunst unzählige neue Identitäten. Das transparente Material, das alles offenlässt und viele Durchblicke ermöglicht, wandelt sich unter ihrer künstlerischen Hand in eine vielschichtige neue Welt. Es ist eine imaginierte Welt, die aus Teilen unserer realen Welt zusammengesetzt ist. 

Glas ist Achermanns bevorzugter Bildträger. Wie in der Glasmalerei bespielt sie dieses fragile Material von hinten und muss im Arbeitsprozess in umgekehrter Reihenfolge denken und handeln. Mittels Nitrofrottage, einem Verfahren, bei welchem bildnerische Vorlagen mit Hilfe eines Lösungsmittels wie Nitroverdünner oder Aceton auf einen Bildträger übertragen werden, finden verschiedene Bildwelten dank Achermanns Können den Weg hinter das Glas. Dabei sticht die Detailverliebtheit der Künstlerin ins Auge: Teile eines Fisches wandeln sich beispielsweise zu einem Unterwasserstilleben. Farben, Formen und Strukturen finden sich hier in einer neuen, ungewohnten Zusammenstellung wieder. Eine neue Welt ist aus bekannten Teilen entstanden. 

„Kultur trifft Natur in meinen Bildwelten“, erläutert Achermann. Nicht selten ist ein Stuhl, ein Fahrradfahrer neben Pflanzen und Himmelsansichten übereinandergeschichtet dargestellt. Durch diese Neuformulierung einer wohlbekannten aber formal neu zusammengesetzten Welt entsteht etwas Neues, Überraschendes, Unvorhersehbares. Dies fasziniert die Künstlerin. So wirken auch Ihre Glaswerke: man schaut und schaut und entdeckt immer wieder Neues oder meint etwas vorher Unentdecktes doch noch entdeckt zu haben. Dieser Sehprozess ist gleichzeitig eine Lebensmetapher: unser aller Leben verläuft auf unvorhersehbaren Pfaden, gerade das macht dessen Spannung und Reiz aus - und das spiegelt Achermanns Werk. 

Ihre Anregungen holt sich die Künstlerin auf ihren täglichen Gängen durch Natur und Stadt. Dabei steht achtsames Gehen und Erleben der sie umgebenden Umwelt im Zentrum ihrer Wahrnehmung. Im Wandel des Augenblicks hält sie diesen mit ihrer Kamera fest. Dieses Bild ist für sie das Rohmaterial, das sie schwarz-weiss weiter verwendet. Farben verleiht sie ihren imaginär zusammengestellten Welten später selber. Diese können eine Anlehnung an die Realität oder nur ein persönlicher Eindruck davon gewandelt in künstlerischer Handschrift sein. Bei der Nitrofrottage arbeitet die Künstlerin mit verschiedensten Schichten, Instrumenten und am liebsten mit ihren Fingern, mit denen sie Farbe taktil auf das Glas aufträgt. Dieses Arbeiten in umgekehrter Reihenfolge (da hinter Glas) erfordert Konzentration, Achtsamkeit und einen langen Atem. Der langsame und minutiöse Arbeitsprozess ist ein wichtiges Kennzeichen ihres künstlerischen Schaffens. Im Atelier werden die für Achermann wunderbaren Augenblicke des Erlebten so nochmals lebendig und wandeln sich. Dieses Wiedererleben und gleichzeitiger Wandel spiegeln auch die Lebenshaltung und Biographie der Künstlerin wieder. 

Im österreichischen Vorarlberg, in Feldkirch, geboren, erlebte sie durch ihre Eltern noch die Nachwehen des kriegstraumatisierten Europa. Entbehrung und Kriegserfahrung waren auch Teil ihrer eignen Familiengeschichte. Schon früh war der Drang nach Eigen- und Selbständigkeit gross. Achermann zog achtzehnjährig alleine nach Zürich, wo sie in der Zahnklinik arbeitete, ihre Liebe zur künstlerischen Arbeit aber weiter pflegte und sich an der hiesigen Kunstgewerbeschule dann steig weiterbildete. Auch ihren Mann lernte sie hier kennen und zog mit ihm ihre zwei Söhne auf. Als Mutter widmete sie sich fortan gänzlich der Kunst. 

In ihrem Werk ist die kindliche Entdeckungs- und Erforschungsfreude lebendig geblieben. Was für Kunstschaffende an sich gilt, gilt für Achermann sehr ausgeprägt: das kindliche Erforschen der Umwelt, das Entdecken dessen, was andere Augen nicht sehen oder, besser gesagt, übersehen, ist das Hauptmotiv ihrer künstlerischen Arbeit. Das Urbane, die Genese dessen, was die Gesellschaft hervorzubringen vermag, wie sie im Zusammensein neue Wege beschreitet und die gleichzeitige Ruhe in einer naturdurchtränkten Umgebung, wo sich ihr Zuhause und Atelier befindet, lässt jene Spannung an den Tag treten, die auch in ihren Werken festgemacht werden kann. 

Wie so manche Leben birgt ihre künstlerische wie auch gelebte Vita verschiedene Identitäten. In der Transparenz des Glases finden sich viele Ankerpunkte und Heimaten, die neu entdeckt zu werden warten. Die Mehrschichtigkeit ihres Werkes spiegelt auch ihr eigenes Leben. Wohl in der Schweiz heimisch geworden, sind da sicher noch voralbergische Spuren, die in verschiedenen Schichtungen immer wieder an den Tag treten. 

Achermann wandelt die Formate ihrer Glaswerke immer wieder: von Glaswürfeln und Schaukästen, ungerahmten aber beständigen Werken, bis zu rechteckigen, quadratischen oder runden Werkformaten. Man denkt in eine Richtung und wird überrascht, weil uns das Werk eine andere Richtung offenbart. Die Farbigkeit und die formalen Elemente haben eine sehr feine Handschrift, auch die etwaigen Schriftzüge verraten durch Buchstaben-, Wort- sowie Textwahl etwas sehr filigranes, fast Zerbrechliches. Das „zwischen den Bildern, Schichten und auch Zeilen“ ist der „Taktgeber“. So treten poetische Welten an den Tag und verzaubern die Sehperspektive des Betrachters auf ihre eigene Art und Weise. Achermanns Bildwelten sind denn auch poetische Ausformungen und Neuformulierungen eines gewandelten Augenblickes, eine Einladung die Welt auch anders anzuschauen, achtsam die Wunder unserer Umgebung wahrzunehmen und dabei unserer Imagination freien Lauf zu lassen. 

Neben der experimentellen Glasarbeit widmet sich die Künstlerin auch immer wieder gerne der Collage aus Papierresten, Karton und anderen Materialien. Auch Rahmen und Passepartout gehören zu ihrem Experimentierfeld: eine Einladung Sehgewohnheiten abzulegen und in eine andere Welt einzutauchen. Die Werke Achermanns stechen auch durch ihre präzise formale Fertigung ins Auge. Durch ihre Beständigkeit, die die Künstlerin ihnen durch eine letzte Schicht aus Polyurethan verleiht, eignen sich diese filigranen Kunstglaswerke auch in nassfeuchten Räumen gehängt zu werden.

Achermann stellt mit Erfolg in der Schweiz wie auch im Ausland aus. Vor allem im Kleinformat hat sie bereits Preise an internationalen Jurierungen gewonnen. Mit ihrem Mann lebt sie in Bonstetten ZH, wo sich auch ihr Atelier befindet.

 © 2019 by Marlies Achermann-Gisinger. Oberdorfstrasse 2,  CH 8906 Bonstetten, erstellt mit Wix.com

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